Gesucht: Menschen, die aus «man müsste mal» ein «wir machen das» machen
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Der Gurnigelpass ist ein Sehnsuchtsort für Motorradfahrende – kurvenreich, wild, frei. Genau das soll jetzt Geschichte sein: Vier Berner Gemeinden wollen auf 22 Kilometern generell nur noch 60 statt 80 km/h erlauben. Für die einen ein überfälliger Schritt gegen Lärm und Unfälle. Für viele Töfffahrende ein weiterer Sargnagel für die Freiheit auf zwei Rädern.
Die Zahlen, mit denen die Gemeinden argumentieren, klingen dramatisch: 88 Unfälle in fünf Jahren, teils tödlich. Die vier Gemeinden haben die Temporeduktion beim kantonalen Tiefbauamt beantragt – ohne dass zuvor ernsthaft geprüft wurde, ob verstärkte Polizeikontrollen dasselbe Ziel erreichen könnten. Und das, obwohl genau das funktioniert: Am 4. Juli 2026 wurden in Riggisberg bei erlaubten 80 km/h Geschwindigkeiten bis 132 km/h gemessen – fünf Anzeigen, zwei Ausweise sofort weg. Kontrollen wirken. Ein pauschales Tempolimit über die gesamte Strecke wirkt dagegen wie die bequemere, aber gröbere Lösung.
Eingebettet ist die Reduktion in die Korridorstudie Gantrisch, ein 29-Punkte-Programm zur Verkehrsentwicklung bis 2040. Dazu läuft eine öffentliche Mitwirkung, doch ob die Rückmeldungen daraus tatsächlich noch etwas kippen, bleibt fraglich. Gemeinsam mit den Verbänden SAM und Swiss Moto steht die IG Motorrad Schweiz (IGM) derzeit im aktiven Austausch mit den zuständigen Stellen, um sich konstruktiv in die Lösungsfindung einzubringen.
Dabei bleibt der Ton diplomatisch, aber mit klarer Kante: Verständnis für lärmgeplagte Anwohnende ja, das predigt man seit Jahren im Rahmen der gemeinsam mit anderen Schweizer Motorradverbänden getragenen Kampagne «Respekt statt Lärm». Punktuelle Reduktionen an echten Gefahrenstellen: kein Problem. Aber eine pauschale Vollbremsung auf 22 Kilometern, ohne dass Alternativen wie verstärkte Kontrollen oder bauliche Schutzmassnahmen wie Leitplanken mit Unterfahrschutz auch nur ernsthaft diskutiert wurden? Das nennt die IGM zu Recht nicht nachvollziehbar. Gefordert wird endlich transparente Kommunikation statt vollendeter Tatsachen.
Auch in der Community brodelt es. In den Foren ist man sich zwar einig, dass Vollgas-Poser in Kurven niemandem helfen – aber die Idee, gleich die ganze Passstrasse auf 60 zu würgen, gilt vielen als völlig überzogen. Dazu kommt die berechtigte Sorge: Wird der Gurnigel dichtgemacht, verlagert sich das Problem einfach auf den nächsten Pass. Reguliert wird dann munter weiter – bis irgendwann keine Passstrasse mehr übrigbleibt, auf der Motorradfahren noch Spass macht. Rücksicht auf Mensch und Natur, kein unnötiges Posing, keine Auspuffanlage, die die halbe Region terrorisiert: Freiheit gibt es nicht ohne Verantwortung – das ist in der Szene längst angekommen. Nur bringt das wenig, wenn am Ende trotzdem pauschal reguliert wird, statt gezielt durchzugreifen.
Ob am Ende Vernunft und Verhältnismässigkeit siegen oder einfach die bequemste Lösung durchgewinkt wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten – die IG Motorrad Schweiz bleibt jedenfalls am Ball. Der Gurnigel wird so oder so zum Testfall für den Umgang mit Freizeitverkehr in der Schweiz.
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